Predigt für Palmsonntag:

Predigt zu Markus 14, 3-9

 

Zwei Tage ist es nun her. Jesus war auf einem Esel in die Stadt Jerusalem geritten. Die Menschen jubelten ihm zu, legten Kleider und Palmzweige auf den Weg und riefen laut Hosianna. Wie einem König huldigten sie ihm, der ohne Krone und Königsmantel in die Stadt kam um das Passahfest zu feiern.

2 Tage später und zugleich 2 Tage vor dem Fest kommen mächtige Männer mit unterschiedlichen Interessen an einem unbekannten Ort zusammen. Sie habe ein Ziel: Dieser Jesus muss weg. Er muss sterben, so schnell es geht. Auf jedem Fall vor dem Passahfest – sonst kommt es zu Unruhen.

Judas, einer der zwölf Jünger, geht zu den Hohenpriestern. Er ist bereit, Jesus zu verraten. Was ihn dazu bewegte – wir wissen es nicht. Die Hohenpriester jedenfalls sind froh und versprechen ihm Geld. 30 Silberlinge soll er später bekommen haben.

Jetzt, wo Geld im Spiel ist und auf die Gegenleistung wartet, läuft die Geschichte zwangsläufig weiter. Keine 2 Tage später wird sie ihren traurigen Tiefpunkt finden. Die dunklen Wolken ziehen sich zusammen.

Der Evangelist Markus jedoch unterbricht den Gang der Geschichte, schneidet sie mitten durch in 2 Hälften. Die Unterredung der Hohenpriester – das Angebot des Judas, dazwischen wechselt der Schauplatz und die Szene. 2 Kilometer außerhalb Jerusalems in Bethanien sitzt Jesus im Hause Simons des Aussätzigen. Und hier fällt ein Licht in die dunklen Wolken des Todes.

 

Markus 14, 3-9 Die Salbung in Betanien

3 Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.

4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? 

5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.

6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.

7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.

8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.

9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

 

Hier im Haus des Simon, wo Jesus mit seinen Jüngern am Tisch sitzt, ist augenscheinlich nichts von der Verschwörung im nahen Jerusalem zu spüren.

Dann kommt eine Frau, deren Name uns nicht bekannt ist, in den Raum. Unbemerkt nähert sie sich Jesus, öffnet eine Flasche mit kostbarem Öl und leert sie über den Haaren von Jesus.

Es gehört Mut dazu, so viel zu schenken. Alle sehen, alle ahnen: das kostbare und köstliche Nardanöl, das Beste vom Besten, es drückt Liebe und Zuneigung aus. Die Frau gibt alles, einen Jahresverdienst, ihre Lebensversicherung, alles was sie hat. Alles setzt sie ein. Sie verteilt das Öl. Sie berechnet nicht, sie wägt nicht ab, sie fragt nicht. Sie tut es aus Liebe.

Liebe berechnet nicht. Liebe wägt nicht ab. Liebe fragt nicht.

Die Anwesenden im Raum empören sich. 300 Silbergroschen. Ein Jahresverdienst. Und schon damals gab es Arme. Jeder Atemzug ein Tagesverdienst. Wieviel Brot und Fisch hätte man dafür für die Notleidenden kaufen können?

Verwunderlich, dass Jesus, der sich doch immer für die Armen eingesetzt hat, hier die Frau in Schutz nimmt. „Lasst sie in Frieden. Sie hat ein gutes Werk an mir getan.“

Während die einen das soziale Argument vorschieben, hat diese Frau erkannt, dass in diesem Augenblick, 2 Tage vor Karfreitag, Jesus selber der Arme ist. In ihrer verschwenderischen Liebe salbt sie einen Todeskandidaten. Sie setzt sich ganz und gar für ihn ein.

Indem Jesus sie unterstützt, schenkt er uns einen weiten Blick, auf die Armen in unserer Mitte, auf die Frau, die so weit gegangen ist. Wo das Evangelium gepredigt wird, da wird man auch an diese namenlose Frau denken und das, was sie getan hat. Sie hat die Salbung vorweggenommen, die die Frauen am Ostermorgen tun wollten, um Abschied zu nehmen. Hier ist sie ein Zeichen, das den Tod überdauert. Ein Zeichen der Liebe, die stärker ist als der Tod, als sich die Mächte des Todes anschicken, diese Liebe aus der Welt zu drängen.

Jesus lobt ihren Liebesdienst, der seinen Liebesdienst an uns Menschen andeutet. Denn auch er hat das wertvollste und kostbarste gegeben. Für die Frau, für die Männer im Raum, für jeden von uns Menschen. Für diesen Liebesdienst gibt es keine Erklärung. Er ist verschwenderisch, unsinnig, grenzenlos.

Der Duft des Öls, die verschwenderische Liebe, all das wird Jesus durch die Leidenszeit tragen. Diese Geschichte ist ein Lichtschein in den dunklen Geschehen der Karwoche. In dieser Geschichte ist die Auferstehung im Keim angelegt. Aus Jesus, dem Todeskandidaten, wird Christus, der Auferstandene Gekreuzigte.

Das ist die verwandelnde Kraft der Liebe Gottes, die auch mich tragen möchte. Amen.

Pfarrer Christoph Gerdom

 

Provokant?

 

„Klär‘ du doch bitte mal mit deinem Gott, was hier gerade so für ein Mist läuft“, schreibt mir ein Bekannter am Samstagabend.

Ich lege mein Handy erstmal zur Seite.

Von so einem unüberlegten Kommentar bin ich genervt.

Außerdem fühle ich mich als Christin angegriffen.

„Klar, du kümmerst dich sonst nicht um ihn. Aber wenn es gerade scheiße läuft und du nicht weiterweißt, muss MEIN Gott dafür herhalten“ – geht es mir durch den Kopf.

Er ist natürlich nicht der Erste, der so etwas äußert.

Nachdem ich einmal tief durchatme, werde ich verständnisvoller.

Die Situation, in der sich der Großteil der Welt momentan befindet, ist aber auch einfach beängstigend und blöd.

In erster Linie natürlich für diejenigen, die an dem Virus erkranken.

Aber auch für die Menschen, die sich gerade Zuhause sehr einsam fühlen. Trotzdem sehe ich mich in der Pflicht meinen christlichen Glauben zu verteidigen.

„Wenn wir in der westlichen Welt nicht so viel reisen müssten, und unsere Lebensmittel, Kleidung, Elektronik und andere Waren nicht hin- und her verschiffen würden, dann wäre das Problem nicht so schnell so groß geworden. Da müssen wir jetzt auch selbst einen Weg finden, um diese Situation zu bewältigen,“ tippe ich in meine WhatsApp und habe beim Abschicken irgendwie schon ein schlechtes Gewissen.

Klingen meine Worte zu grausam?

Zu provokant in dieser herausfordernden Zeit?

Überraschenderweise bekomme ich ein „Das hat was, was du sagst“ zurück und das Thema ist beendet.

 

Erfahrungsgemäß bringt es nicht viel einem anderen Menschen die eigene Schuld vor Augen zu halten. Niemand hört Sätze wie „ich hab’s dir ja gesagt“, „wer sich die Suppe eingebrockt hat, der muss sie auch wieder auslöffeln“ oder „da bist du aber selbst dran schuld“ gerne.

Schon gar nicht in einer Notsituation. Es ist zu arrogant und überheblich. Und meistens ist es auch nur die halbe Wahrheit.

Darum auch mein schlechtes Gewissen nach dieser spontanen und kurzen Antwort. Die Frage nach Gott und seiner Rolle in unserer Welt ist eben nicht so einfach per Kurznachricht zu beantworten.

Doch es ist ein großer Irrtum, den christlichen Glauben als eine Art Tugend zu verstehen, die den Menschen und die Welt vor Krankheit, Sterben und anderem Leiden bewahren würde.

Wer sich nie ernsthaft damit beschäftigt hat, versteht das leider oft falsch – so wie mein Bekannter.

Nach dem Motto: Wenn es deinen Gott gibt, dann muss er doch etwas tun. Am besten ein Wunder und am besten sofort.

 

Ich glaube daran, dass mein Gott etwas tut.

Aber selten macht er das so, wie ich es mir in meinem kleinen menschlichen Kopf ausmale.

Auch Jesus hat von Anfang an nicht das getan, was die Menschen von ihm erwartet haben. Er ist das beste Beispiel dafür, dass mit einem festen Glauben nicht die Um- und Missstände dieser Welt aufhören.

Jesus hat unheimlich gelitten. Und er ist allein zum Kreuz gegangen.

Als Verurteilter und Ausgestoßener in völliger Isolation.

Das, worunter ich heute leide, hat er schon längst erlebt.

Es tut mir gut, wenn seine Geschichte jedes Jahr aufs Neue erzählt wird. Denn sie sagt mir: Du bist selbst in deinem schlimmsten Kummer und deiner größten Einsamkeit nicht allein. Gott leidet mit dir. Ist dabei. Immer.

Das ist mein Glaube, der mir Hoffnung gibt und Mut macht.

 

Und schaue ich mich mal genauer um, kann ich sehen, dass momentan nicht nur alles schlecht ist. Im Gegenteil. In der Not entstehen neue Kräfte, Verbindungen, Hilfsangebote. Auf einmal fangen Nachbarn an sich zu organisieren, die vorher gar keinen Kontakt miteinander hatten. Menschen, die auf einmal viel Zeit haben, überlegen sich, wie sie anderen helfen können. Sie nähen Mundschutze, gehen für Ältere einkaufen, überlegen sich kreative Aktionen für Zuhause und teilen sie mit anderen im Internet.

Ich sehe darin Gott. Das ist sein Aufstand für das Leben.

Er wischt die Krankheit und die Einsamkeit nicht einfach weg.

Aber er lässt mittendrin etwas Wunderbares entstehen, das Kraft und Hoffnung gibt.

Davon will ich erzählen, wenn ich das nächste Mal nach ihm gefragt werde.

 

 

Pfarrerin Leska Meyer

 

Improvisation

 

Ich bin Pfarrerin.

Mein Beruf ist sehr vielseitig.

In erster Linie habe ich mit Menschen zu tun.

Mit Menschen, die sich in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen befinden. Der Kontakt zu ihnen ist momentan allerdings sehr eingeschränkt.

Mir bleiben fast nur die Aufgaben, die ich vom Schreibtisch aus erledigen kann - allein.

 

Auch privat sehe ich viele Menschen zurzeit selten bis gar nicht.

Meine Familie, meine Freunde.

Das halte ich nur aus, weil ich weiß, dass mein Verhalten anderen hilft und dass es gerade allen so geht wie mir.

Im Grunde bin ich Teil einer globalen Solidargemeinschaft, die momentan ganz schön viel aushalten muss. Und ich bin Teil einer weltweiten Christenheit, die gerade sehr darunter leidet, dass sie nicht wie gewohnt in Gemeinschaften leben und wirken kann.

 

Trotzdem hilft mir mein Glaube.

Jesus hat gesagt: „Auch wenn du dich einsam fühlst, bist du nie allein - Gott ist immer da. Ich bin immer da.“

Das trägt mich.

 

Ich bin Pfarrerin. Das ist mein Beruf.

Der Weg dorthin war weit und bunt.

Einmal gab es im Predigerseminar das Thema „Improvisation“.

Drei Tage lang hatten meine Kollegen und ich, alles angehende Pfarrerinnen und Pfarrer, Besuch von zwei Schauspielern.

Sie arbeiteten in einem Improvisationsensemble. Eine Schauspielart, die mir bis dahin nur aus der Fernsehserie „Schillerstraße“ bekannt war.

 

Unsere Gäste leiteten uns dazu an, mit wenigen Impulsen eine spontane Szene darzustellen. Ohne Skript und ohne Drehbuch.

Es waren lustige und spannende Seminartage.

Die Botschaft, die sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat: Nimm die Dinge an, die auf dich zukommen und mach was aus ihnen.

 

Wenn man eine improvisierte Szene spielt, muss man sich ganz auf sein Gegenüber und die Situation einlassen. Etwas Gesagtes ignorieren oder etwas Eigenes dagegenstellen, behindert das Schauspiel, macht es langweilig und irgendwann auch kaputt.

Wenn mein Mitspieler an einer imaginären Kasse sitzt und sagt, er verkaufe Schuhe, macht es keinen Sinn, wenn ich sage, ich hätte gerne ein Eis.

 

Ich bin Pfarrerin.

Ich habe gelernt, dass sich diese Schauspielkunst auch in meinem Alltag bewährt.

Wie die Menschen und Situationen, denen ich begegne, sich verhalten oder entwickeln, kann ich oft nicht voraussagen.

Ich muss mich spontan auf sie einstellen und sie so annehmen wie sie sind. Das fällt mir nicht immer leicht. Aber ich gebe mir Mühe.

 

Gerade gibt es für uns alle viele Dinge, die keiner hätte voraussagen können. Und jeder von uns muss improvisieren. Beruflich und privat.

 

Ich vermisse es am Sonntag Gottesdienst zu feiern und ich vermisse es in ein Gemeindehaus voller Menschen zu kommen.

Ich vermisse es, durch die Stadt zu bummeln, mich mit Freunden im Café zu treffen oder am Wochenende ins Kino zu gehen.

Ich vermisse in dieser Zeit so vieles.

Aber ich muss irgendwie damit umgehen.

 

Ich schreibe Andachten, die andere im Internet lesen können, ich singe in meiner Wohnung laut „Halleluja“ und stärke mich mit Gottesdiensten, die Online gestreamt werden.

Ich telefoniere mit allen, die mir am Herzen liegen, bringe meine Wohnung so richtig auf Vordermann und lese ein Buch, das ich schon lange einmal lesen wollte.

 

Ich bin Pfarrerin.

Besonders bitter ist es für mich, dass ich in diesem Jahr keinen normalen Ostergottesdienst feiern darf.

Aber ich kann es nicht ändern. Ich muss damit leben und weitermachen und mir überlegen, wie ich trotzdem Menschen erreichen kann.

 

„Ich bin die Auferstehung und das Leben“, sagt Jesus Christus und erreicht damit mich.

 

Ostern kommt. Trotz allem, was gerade anders läuft.

Ich erlebe die Passionszeit in diesem Jahr ganz besonders intensiv. Nie war mir so klar, was Entbehrung wirklich bedeutet.

Umso heller scheint für mich am Horizont aber auch die frohe Hoffnungsbotschaft: Diese Leidenszeit wird irgendwann ein Ende haben und das Leben wird siegen. Es siegt immer – früher oder später. Das bedeutet Ostern. Das bedeutet Auferstehung. Jesus hat es mir vorgemacht. Aufstehen. Weitermachen. Neu anfangen. Immer wieder improvisieren. Leben gerade dort gestalten, wo es in Frage gestellt wird.

Und vor allem: Die Hoffnung niemals aufgeben.

 

Pfarrerin Leska Meyer